Offene Visierungen - JASW

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Offene Visierungen

Jagdwaffentechnik

Auswahl und Einsatz von offenen Visierungen im jagdlichen Betrieb
Es ist schon erstaunlich, mit welcher Geringschätzung und Oberflächlichkeit das Thema "Kimme und Korn" jagdlich eingesetzter Büchsen behandelt wird. Die Aussagen reichen von "...die war schon drauf, als ich die Waffe gekauft habe... über "...ach die, keine Ahnung, wie die Waffe damit schießt, aber mein BüMa wird das schon richtig gemacht haben..." bis "...die brauche ich beim Zielfernrohr doch sowieso nicht..."

Um es auf den Punkt zu bringen:
Wer jagt, kommt zwangsläufig irgendwann einmal in
Situationen, wo er nachsuchen muss! Dabei spielt es grundsätzlich keine Rolle, ob man seine Büchse bei der Feldjagd auf Rehwild und Raubwild, im Hochwildrevier oder auf der Auslandsjagd einsetzt.

Was tun, wenn das Zielfernrohr fest auf der Waffe montiert ist?
Bei Waffen mit einem fest montierten Zielfernrohr hat der gewissenhafte Jäger immer eine zweite BackUp-Waffe mit offener Visierung dabei.

Diese Waffe kann er bei einer Nachsuche zum Einsatz bringen. Es ist dabei grundsätzlich erst einmal egal, ob es eine handliche, kurzläufige Büchse oder eine Kurzwaffe ist. Hauptsache, man hat mit der Waffe trainiert, kann die Waffe gut handhaben und weiß, wie die Treffpunktlage auf kürzeste Distanzen, d.h. 2-10 Meter ist.

Bei der Jagd auf stärkeres Wild empfiehlt sich in jedem Fall eine robuste Langwaffe mit Kurzlauf. Die Waffe sollte in einem Kaliber mit einem Schockwirkungsindex von mehr als 300 und einer Lauflänge unter 50cm ausgestattet sein.  


Kurzwaffenvisierungen



Kurzwaffen, die als Fangschusswaffe auf der Jagd eingesetzt werden,
sollten ebenfalls über eine kontrastreiche Visierung verfügen

Grundprinzip
Das Wichtigste bei einer offenen Visierung an einer Büchse ist, dass man nach Abnehmen des Zielfernrohrs die Kimme oder den Diopter-Ring mit dem Korn möglichst schnell in einer Visierlinie zusammenbringen und punktgenau auf das Ziel ausrichten kann, wenn man die Waffe anschlägt. Grundvoraussetzung dazu ist eine passende Waffe und Schaft.

An dieser Stelle soll nicht auf das Thema aller erforderlichen Punkte in Bezug auf eine Maßschäftung eingegangen werden. Zusammengefasst reicht ist eine Waffe vollkommen ausreichend, die dem Schützen einen ruhigen und sicheren Anschlag und mit einer für ihn günstigen Schaftform und Länge des Schaftes
ermöglicht (z.B. für eine Büchse, die in erster Linie zum Ansitz oder zur ruhigen Pirsch geführt wird).

Einfluss des Schaftes
Bei der Wahl des Schaftes ist, was Form und Material angeht, immer von persönlichen Geschmack abhängig. Ob man sich für einen klassischen Holzschaft oder einen Kunststoffschaft entscheidet, hängt u.a. auch vom Verwendungszweck und der Aufgabe ab. Hier gibt es viele Gestaltungsmöglichkeiten: Nußbaum-, Edelholz oder Schichtholz, gerade oder Monte Carlo, mit oder ohne Backe. Vorsicht: Nur einen, ganz speziellen Zweck haben allerdings Lochschäfte. Die jagdliche+ waffentechnische Verwendung mit solchen Schäften ist stark eingeschränkt. Weitere Gestaltungsmöglichkeiten sind ergonomisch verstellbare Schäfte höhenverstellbarer Backe.

Grundsätzlich wichtig ist immer das positive und sichere Gefühl beim Testen des Anschlagen der Waffe. Gegenüber Neu- und Gebrauchtwaffen hat man bei der Anfertigung und Zusammenstellung einer neuen Büchse den entscheidenden Vorteil der freien Auswahl der Gestaltungsmöglichkeiten mit der Abstimmung für das beste Handling.  


Visierungsarten

Die Verbesserung bei der Auswahl und der jagdlichen Anwendbarkeit gilt insbesondere für die Ausführungen der offenen Visierung. Hier hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Gerade bei den Kimmen gibt es viele Formen, die eine größere Sichtfläche auf das Ziel ermöglichen.

Vorreiter war die Dreieckskimme, welche die klassische Rechtecks- und V-Kimme inzwischen fast gänzlich ersetzt hat.

Die praxisuntaugliche originiale Schmetterlingsvisierung wurde bei dieser Waffe im Kaliber .45-70 zu einer Kontrastvisierung mit Dreieckskimme und Perlkorn umgearbeitet.

Durch den Wegfall der seitlichen Kimmenflächen und einer vom Auge schnell auffassbaren Kontrastierung ist die Visierung nun voll tauglich zur Jagd auf kurze Entfernungenin dichtem Gelände und zur Nachsuche.

Jagdlich unbrauchbare Kimmenformen
Dazu zählen die Schmetterlingskimmen und Kimmen in gerader Form oder die militärischen Kimmen in U-Form. Die Verdeckung des sichtbaren Ziels und der Umgebung ist einfach viel zu groß.
Deutlich besser sind:

  • Dreieckskimmen (Dachkantvisier)

  • V-Kimmen mit Ausfräsungen (Fenstervisier)

  • Trapezkimmen (gekürztes Dreieckvisier)

  • Ringvisierungen (Diopter-Ring ohne Vergrößerung)

Die Visierungen sollte man mit farblichen Inlays (Einlege-Kunststoff) ausstatten. Möglich sind farbige Dreiecke, ein- oder 3 Punkte, einfache oder doppelte Leuchtstreifen oder die Kombination von beidem.

Bei den Kornformen sollte man von Dach- oder Balkenkornen Abstand nehmen, da zu viel vom Ziel verdeckt wird. Mit Ausnahme der Ringvisierung haben sich deshalb die Perlkorne für die Jagd durchgesetzt. Auch hier sind farbliche, zum Ziel kontrastreiche Ausführungen in weiß, gelb oder rot besser.            

Wichtig: der richtige Farbkontrast
Zur schnellen Zielauffassung sollte man für die offene Visierung bei Kimme und Perlkorn unterschiedliche Farbeinlagen wählen. Mögliche Farbkombinationen sind mit den Farben weiß, rot, gelb und violett möglich.
Die individuelle Empfindung des Kontrastes ist sehr unterschiedlich. Deshalb sollte man dies unbedingt beim BüMa mit verschiedenen Komponenten, d.h. Farbinlays testen.

Schnellste Zielerfassung

Die mit Abstand am schnellsten zu erfassende offene Visierung für Nachsuche- und Buschierbüchsen ist die Ghostring-Visierung mit Diopterring und Balkenkorn. Auch hier sollte man auf eine Kontrastierung achten. Für einen punktgenauen Schuss ist allerdings bei etwa 20m Schußentfernung Schluß. Dies ist aber keineswegs ein Nachteil, da die jagdlichen Gegebenheiten die Schussdistanz ohnehin stark eingrenzen. Schüsse in dieser Situation erfordern möglichst flüssige Zielerfassung aus dem Anschlag heraus zur sicheren Schussabgabe, oft auf kürzeste Distanz.


Ghostring-Visierung für blitzschnelle Zielerfassung an Nachsuche-Arbeitswerkzeugen
wie dieser UHR-Büchse im Kaliber .45-70 Government

Visierungen für Großwildbüchsen



Klassische Afrika- Expressvisierung mit Standkimme in V-Form und 2 Klappen auf einer GroßwildRepetierbüchse
(vorderes Perlkorn aus Messing mit weissen Klappkorn zur Nachsuche).  


Etwas anders sieht das bei "Werkzeugen" wie Nachsuchebüchsen oder Großwildbüchsen aus, da zählt jedes Detail und jedes Kriterium bei der Schaftausführung sowie der Auswahl der offenen Visierung. Die meisten Besitzer von Doppelbüchsen, die ihre Waffen in Afrika zur Großwildjagd einsetzen, bevorzugen immer noch die offene Visierung (insbesondere bei der Büffel- und Elefantenjagd).

Hier ist eine offene V-Kimme und farbigem Perlkorn besser als die klassische Expressvisierung, die zwar unbestritten schöner aussieht, aber z.B. mit auf 100m, 150m und 200m abgestuften Kimmenblättern nach dem aktuellen technischen Stand der heutigen Zieloptik nicht mehr der zur Verfügung stehenden Praxistauglichkeit gerecht wird.         

Häufigste Fehler:
1) Zu kurzer Augenabstand
Besonders bei Kipplaufwaffen wird die hintere Einheit mit der Kimme oft zu nah befestigt. Grundregel: je weiter weg vom Auge, desto besser. Nur eine korrekt montierte Kimme gewährleistet eine schnelle Zielaufassung. Dazu gehört auch der richtige Abstand zwischen Perlkorn und Kimme, die immer möglichst kurz gehalten sein muss.

Das verkürzt die Zeit vom Anschlagen der Waffe bis zur Schussabgabe. Wer seinen optimalen "persönlichen Augenabstand" herausfinden möchte, kann dazu auch ein Stück gefaltetes Papier nehmen, das er solange auf der Laufoberseite verschiebt, bis die Papier-Kimme, Korn und Ziel am günstigsten und am schnellsten sichtbar sind.   

2) Falsche Einschiessentfernung
Regelmäßig berichten mir Jäger, dass die Visierung auf ihrer Büchse von ihrem BüMa entweder gar nicht oder auf Entfernungen zwischen 50 und 100m(!) mit Fleckschuss eingeschossen wurden. Das ist für die jagdliche Praxis völliger Unsinn.

Wie bereits erwähnt, ist eine offene Visierung unverzichtbares Hilfsmittel bei der Nachsuche oder bei der Jagd in dichtem Bewuchs. Die Schussentfernung bei Nachsuchen auf Hochwild liegt im Schnitt zwischen 0-15 Metern. Ganz selten kann man weiter als 25 Meter schiessen. Bei Büchsen, die in erster Linie als Ansitzwaffe geführt werden, sollte man die offene Visierung auf eine Entfernung von höchstens 20-30 Metern einschiessen.

Bei reinen Nachsuchebüchsen liegt die beste Fleckschussentfernung bei 10-15 Meter. Die Ausnahme stellen Großwildbüchsen dar, die je nach Einsatzzweck auf die jagdliche Distanz, z.B. für Dickhäuter ausser zum Fangschuss auch für den ersten Schuss eingesetzt werden.
Ebenfalls wichtig ist, dass die offene Visierung so tief wie möglich ausgeführt ist. Bei Waffen mit ZF sind das i.d.R. 25mm, bei Waffen ohne Zielfernrohr und bei der Verwendung von Ghost Ring- Visierungen ca.20mm.

Dazu folgendes Beispiel:
Eine 9,3x62, die mit einer offenen Visierung ausgestattet ist, welche 25mm über der Laufmitte montiert und auf 10 Meter Fleck eingeschossen ist. Die Laborierung mit einem 16,2 Gramm Nosler AB leistet eine Vo760m/s, der BC beträgt 0,372.
Auf unterschiedliche Schussentfernungen ergeben sich nachfolgende Werte:
- 0m 2,5cm Tiefschuss
- 5m 1,3cm Tiefschuss
- 15m 1,3cm Hochschuss
- 20m 2,3cm Hochschuss
- 25m 3,4cm Hochschuss
- 30m 4,5cm Hochschuss
- 50m 8,2cm Hochschuss
- 100m 14cm Hochschuss   
Dies sollte ein guter BüMa wissen und bei seinem Einschiessen berücksichtigen. Ebenso die Tatsache, dass bei Laufkürzungen das Originalkorn nicht mehr in der ursprünglichen Höhe angebracht werden darf, sondern ebenfalls zu kürzen ist, damit es keinen Tiefschuss gibt.   

3) Fehlendes Training mit Kimme und Korn  
Wer mit seiner Büchse und der offenen Visierung nicht auf praxisgerechte Entfernungen einschiesst, gefährdet nicht nur seinen jagdlichen Erfolg mit dem Verlust des Stückes, sondern auch seine Gesundheit bei der Nachsuche auf wehrhaftes Wild.

Beim Schießstandbesuch zum Kontrollschiessen, Übungsschiessen oder bei einem Laborierungswechsel gehört deshalb auch der
stehend freihändige Schuss auf ein etwa bierdeckelgroßes, tiefstehendes Ziel auf 10-15m Entfernung zum Plichtprogramm. Das fördert Schiessfertigkeit und Vertrauen in die Waffe, sodass man deutlich beruhigter und sicherer bei der Schussabgabe auf einer Nachsuche ist... und die kommt bestimmt!  
  

Tipp
Eine farbige Dreieckskimme mit Perlkorn ist für die meisten jagdlichen Situationen bei einer Nachsuche ideal.

Für reine Nachsuchebüchsen empfehle ich eine Dreieckskimme oder V-Kimme als Fensterstandvisier mit einem dicken, robusten Perlkorn oder einem farbigen Kunststoffperlkorn in stärkerer und geschützter Ausführung.

Die Variante zur schnellstmöglichen Zielerfassung: eine Ghostringvisierung mit starkem, farbigen Balkenkorn.


Dreiecks-Standvisierung mit Farbinlay aus Kunststoff  

Visierungen für die Drückjagd
Noch ein Wort zur den sog. "Drückjagdvisierungen": nach meinen Erfahrungen gibt es nur ganz selten Anwendungsmöglichkeiten für die offene Visierung bei der Drückjagd. Die max. Schussdistanzen liegen hier bei etwa 10-15 Metern. Für alles, was darüber liegt, sind schnell erfassbare Zieloptiken besser.

Variable Zielfernrohre
Der technische Stand bei der Zieloptik ist mittlerweile so hoch, dass man auch auf kurze Distanzen wesentlich besser zurechtkommt, wenn man ein Zielfernohr mit niedriger Vergrößerung oder besser, eine Leuchtpunktvisierung verwendet. Variable Drückjagdzielfernrohre erlauben eine 1-1,5fache Vergrößerungsreduzierung. Damit sind punktgenaue, präzise Schüsse möglich. Einziger Nachteil: das Sehfeld ist eingeschränkt und die Zeit bis zur kontrollierten Schussabgabe erhöht sich etwas.

Rotpunktvisierungen
Deutlich besser und vor allem schneller(!) geht die Zielaufassung mit den Rotpunktvisierungen. Mit beiden Augen offen hat man immer das volle Sicht(Seh-)feld und kann sich auf das Ziel konzentrieren, das solange mit dem roten Punkt "markiert" wird, bis der Schuss bricht. Für Entfernungen zwischen 10 und 35m gibt es nach unserer Erfahrung nichts Besseres. Je nach individueller Sehschärfe und Training kann man mit der Rotpunktvisierung auch noch bis etwa 60m waidgerecht treffen.

Weite Entfernungen
Allles, was bei Drück- oder Ansitzjagden über diese Entfernung hinaus geht, wird aber am besten durch ein variables Zielfernrohr mit einem Leuchtabsehen (offen, um möglichst wenig Zielfläche zu verdecken, z.B. in Punkt-, Ringform oder modifizierte Absehen Nr.4) erreicht.    


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